Ein Dach für jeden – gute Ideen machen Hoffnung

Knapp 100 Leute kamen zusammen, um sich einem der drängendsten Probleme zu stellen: Dem Wohnen in Prien. Bei Mietpreisen, die teilweise die Marke von 15 Euro/qm reißen, ist die Not nicht nur für Familien, Alleinerziehende und Rentner groß. Es gibt auch kaum passenden Wohnraum für Menschen, die barrierefreie Zugänge oder altersgerechte Wohnformen suchen. „Es gibt für das Wohnen sehr unterschiedliche Bedürfnisse“, machte denn auch Claudia Sasse, Bürgermeisterkandidatin der Grünen, gleich zu Beginn klar. „Wir müssen einen Weg finden, besser zu steuern, wie und was gebaut wird. Was wir nicht brauchen: Investoren, die vor allem verdienen, der Gemeinschaft aber nichts zurück geben“. Claudia Sasse läßt gleich eines der Motive anklingen, die den Abend über begleiten: „Prien ist als Dorf gewachsen, ist aber mittlerweile fast wie eine kleine Stadt. Das müssen wir bei unserer Ortsentwicklung bedenken“.

Geladen waren hochkarätige Experten, die nicht nur die Wohnsituation im ländlichen Raum erklären konnten, sondern auch jede Menge begeisternde Lösungsideen im Gepäck hatten. Stefan Bannert, Architekt und Dozent der TU München, erklärte den typischen „Donut“-Effekt: Gemeinden weisen Baugebiete am Ortsrand aus, hier entstehen Neubausiedlungen, in denen sich vor allem junge Familien niederlassen. Bei den aktuellen Baupreisen führt das zu einer so hohen Schuldenlast, dass Doppelverdienst nötig wird und klassische Pendlerhaushalte entstehen. Einkäufe werden dann auf dem Arbeitsweg im Gewerbegebiet erledigt. Die Folge: Ortskerne mit wenig Menschen und wenig Leben. Autos statt Menschen machen einen Ortskern aber unattraktiv, Einzelhändler geben auf, Leerstand entsteht.

Stefanie Seeholzer, Architektin und Expertin für Entwicklung im ländlichen Raum, sprudelte anschließend fast über vor lauter guten Ideen. Ihr Credo „Es ist ganz wichtig, sich rechtzeitig Gedanken zu machen: Wie gehen wir mit den Freiräumen, den Bäumen, den idyllischen Wegen um. Die drohen nämlich, zu verschwinden“. Anhand spannender Beispiel zeigte sie, wie bürgerorientierte Ortsentwicklung, planerische Klugheit und engagiertes Eingreifen der Gemeinde zu erstaunlich stimmigen Lösungen führen können. Die Orientierung an traditionellen Hofensembles etwa, die Raum für unterschiedliche Wohnbedürfnisse geben und geschützte autofreie Räume ermöglichen, braucht gleichzeitig weniger Platz als die übliche Bebauung. Und schützt dabei wichtige landschaftliche Blickbeziehungen, wichtige Begegnungsfläche und Kinderbedürfnisse.

Heiner Krull, leitender Mitarbeiter einer großen Investmentfirma, berichtete von Investorenmodellen, die Orte und Menschen schützen und unterstützen. „Ich arbeite für Investoren, die sich statt mit 20% mit 4% Rendite zufrieden geben – aus gutem Grund“! Er führte überzeugend aus, welche Wege Gemeinden gehen können, um Investitionen zu steuern: Gestalterisch, sozial, ökologisch. Dafür sei aber ein hohes Engagement der Gemeinde und vor allem eine lebendige Beteiligung der Bürger erforderlich. Er schlug vor, auch auf der Investorenseite genau zu schauen, welche alternativen Wege man gehen könne, um positiv Einfluß auf die Orts- und Wohnraumgestaltung zu nehmen.

Zuletzt zeigte Rupert Schelle, Landschaftsarchitekt und Genossenschaftsmitglied im Eglwies-Projekt, wie viel Hoffnung die ersten Ansätze alternativer Investorenmodelle in Prien bereits machen. Angelehnt an die Idee von Höfen wurde hier ein kinderfreundliches, zentrales und ökologisch hochwertiges Projekt umgesetzt, in denen die Mieten bezahlbar und die Wohnqualität exzellent sind. Er äußerte sich auch zum Bahnhofsprojekt: „Erstmal war da so ein Aha, eine Freude. Dann aber entstanden zunehmend Fragezeichen: Was passiert da eigentlich? Und dabei geriet das Eigentliche in den Hintergrund: Was wollen denn die Menschen? Vielleicht einen Biergarten im Zentrum? Noch mehr Parkplätze? Denn es ist ja vor allem eines wichtig: Pläne gemeinsam zu entwickeln und dann auch transparent umzusetzen“.

Und schon war die große Runde eröffnet: Lauter Fragen an die Experten und die Bürgermeisterkandidatin verrieten das hohe Interesse und die vielfältigen Ideen aus dem Publikum. Dabei wurde es auch mal sehr konkret, etwa, wenn es um das Sondernutzungsareal (Jugendherberge) in der Carl-Braun-Straße, den sozialen Wohnungsbau oder spezifische Ansatzmöglichkeiten der Gemeinde ging. Viele Besucher fühlten sich angeregt zu neuen Ideen und äußerten gehaltvolle Vorschläge. Insgesamt war eine Aufbruchstimmung im Saal spürbar, die Ortsentwicklung endlich für die Bewohner zu machen, anstatt nur nach behördlichen Vorgaben. „Die Gesetze sind für die Menschen da, nicht andersherum“, brachte es ein Gast auf den Punkt. Bei einer so konstruktiven und hoffnungsvollen Stimmung wunderte es dann auch kaum jemanden, dass nach dem 3-stündigen Marathon trotzdem noch bis 23 Uhr angeregt weiter diskutiert, geplaudert und geplant wurde.

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